AKT.-NR. 001/B

verdichtung statt dekoration

Verdichtung statt Dekoration

Die Welt ist voller schöner Bilder.

Bilder mit perfekten Proportionen, harmonischen Farben und einer Typografie, die so steril ist, dass man beim Atmen das Desinfektionsmittel schmeckt. Schönheit allein bedeutet erstaunlich wenig.

Ein Visual kann makellos gestaltet sein und dennoch leer bleiben. Es kann Aufmerksamkeit erzeugen, Bewunderung hervorrufen und trotzdem nichts hinterlassen.

Gestaltung beginnt nicht mit Schönheit sondern mit Bedeutung.

Jede Bildsprache ist ein Produkt ihrer Umgebung, sie entsteht aus dem Material, aus dem Medium, aus technischen Möglichkeiten und Beschränkungen, gesellschaftlichen Umständen, Zeitgeist, Gewohnheiten und Fehlern. Manche Ästhetiken werden direkt aus dem Mangel geboren.

Bilder mit perfekten Proportionen, harmonischen Farben und einer Typografie, die so steril ist, dass man beim Atmen das Desinfektionsmittel schmeckt.

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Kopierfehler, verblasste Druckfarben, schlechte Kameras, billige Produktionsmittel. Budget zu Ende? = Stil.

Die DIY-Ästhetik wirkt kaputt, schmutzig, überladen und widerspenstig. Nichts daran entspricht den klassischen Vorstellungen von Schönheit. Und doch besitzt sie eine Kraft, die viele hochpolierte Visuals nie erreichen. Lang lebe Letraset.

Was aus der Distanz wie Chaos aussieht, wird aus der Nähe zu Bedeutung, denn Ästhetik ist nicht universell, sondern kulturell.

Jede Gemeinschaft entwickelt ihre eigenen visuellen Dialekte. Eigene Zeichen, eigene Symbole, eigene Vorstellungen davon, was glaubwürdig, begehrenswert oder relevant erscheint. Wer diese Codes nicht kennt, blickt oft nur auf die Oberfläche. Innerhalb der jeweiligen Kultur hingegen ist es lesbar: die Referenzen, die Anspielungen, die Herkunft, die Haltung. Nichts muss erklärt werden. Die Gestaltung spricht bereits ihre Sprache.

Früher entstanden viele Bildsprachen innerhalb konkreter kultureller Räume. In Musikszenen, Vereinen, Quartieren, Werkstätten, Subkulturen und Bewegungen. Gestaltung war Ausdruck einer Gemeinschaft. Sie trug deren Eigenheiten in sich. Ihre Fehler, Obsessionen und lokalen Dialekte.

Heute wird Gestaltung auf globalen Plattformen formiert, und das Resultat ist eine visuelle Monokultur. Sie wird für Feeds, Algorithmen und maximale Anschlussfähigkeit optimiert. Für alle gleichzeitig. Das Resultat ist häufig eine Ästhetik des kleinsten gemeinsamen Nenners. Die Akzente werden neutralisiert; was übrig bleibt, ist makellos und merkwürdig vergessenswert.

Vielleicht wirken genau deshalb so viele Designs heute austauschbar. Nicht weil Designer plötzlich schlechter geworden wären. Im Gegenteil. Noch nie standen so viele Werkzeuge, Referenzen und Möglichkeiten zur Verfügung.

Selbst die Subversion wird inzwischen standardisiert. Der Fehler wird geplant, der Zufall konstruiert, die Authentizität strategisch eingesetzt. Das Unperfekte wird so lange verfeinert, bis es perfekt unperfekt aussieht. Eine kalkulierte Nostalgie nach einer Echtheit, die wir längst nur noch als Simulakrum konsumieren.

Was sonst in einer post-postmodernen Welt.

Text: Fauls