ästhetik prompt

AKT.-NR. 002/B

Die Ästhetik des bereits Gelösten

Eine Untersuchung des vorentschiedenen Raums

Noch nie standen so viele Werkzeuge, Vorlagen, Referenzen und automatisierte Systeme zur Verfügung, um in kurzer Zeit professionell wirkende Ergebnisse zu erzielen. Korrekte Gestaltung ist deshalb keine Auszeichnung mehr. Sie ist die Eintrittskarte.

Was bei diesen Gestaltungen jedoch oft auffällt, ist, dass sie merkwürdig ruhig sind. Keine Spannung. Völlig risikolos. Und man würde fast sagen: «Ja das passt so».

Vielleicht erklärt dies jene eigentümliche Ruhe, die sich gegenwärtig durch grosse Teile unserer visuellen Kultur zieht. Vieles wirkt hochgradig professionell, funktioniert und überzeugt auf den ersten Blick, und dennoch bleibt das unbestimmte Gefühl zurück, dieser Form bereits unzählige Male begegnet zu sein.

Die Untersuchung setzt daher nicht beim fertigen Ergebnis an, sondern beginnt bei den Bedingungen, unter denen gestalterische Entscheidungen überhaupt entstehen.

Was bei diesen Gestaltungen jedoch oft auffällt, ist, dass sie merkwürdig ruhig sind. Keine Spannung. Völlig risikolos. Und man würde fast sagen: «Ja das passt so».

Gestaltung wird meist über das Sichtbare beschrieben: Typografie, Raster, Farbe, Weissraum. Man spricht über die Bausteine, als liesse sich das Ergebnis vollständig aus dem zusammensetzen, was am Ende vorliegt. Doch die eigentliche Gestaltung beginnt dort, wo Möglichkeiten verschwinden. Mit jeder Entscheidung werden Alternativen verworfen. Gestaltung sammelt keine Optionen, sondern verdichtet sie so lange, bis eine Form folgerichtig erscheint und sich aus ihrem Gegenstand begründen lässt: aus der Aufgabe, der Botschaft und dem spezifischen Kontext.[1]

Hier liegt der Unterschied zwischen einer Gestaltung, die lediglich funktioniert, und einer, die eine Haltung trägt und dadurch oft erstaunlich selbstverständlich wirkt. Eine solche Selbstverständlichkeit entsteht dort, wo Entscheidungen andere Möglichkeiten nach und nach verdrängen.

Gestaltung hat sich schon immer an anderer Gestaltung orientiert. Auffällig ist gegenwärtig, wie häufig dieselben visuellen Muster weltweit auftauchen. Wer durch eine algorithmisch geordnete Bildplattform blättert, begegnet vor allem dem, was anderen bereits häufig begegnet ist. Diese Entwicklung erscheint zunächst gering. Ihre Auswirkungen sind es womöglich nicht.

Gute Werkzeuge sichern Konsistenz und befreien von repetitiver Last. Bemerkenswert ist ein anderer Effekt: Mit jeder wiederverwendbaren, vordefinierten Lösung wird es unwahrscheinlicher, dass neue Lösungen überhaupt erst in Betracht gezogen werden. Der Gestalter betritt keine offene Fläche mehr, sondern ein Raster vorbereiteter Optionen.

Das Ziel der Gestaltung verändert sich dadurch nicht, ihr Ausgangspunkt hingegen schon.

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Gestaltung sammelt keine Optionen, sondern verdichtet sie so lange, bis eine Form folgerichtig erscheint und sich aus ihrem Gegenstand begründen lässt: aus der Aufgabe, der Botschaft und dem spezifischen Kontext.

Viele gegenwärtige Identitäten wirken nicht deshalb austauschbar, weil sie handwerklich fehlerhaft wären, sondern weil sie aus ähnlichen Ausgangsbedingungen entstehen. Farben und Schriften variieren, während die gestalterischen Muster weitgehend ähnlich bleiben.

Kaum irgendwo wird häufiger über Individualität gesprochen als dort, wo Identitäten entstehen. Nahezu jede Marke will unverwechselbar sein. Der entsprechende Vorsatz wird mit bemerkenswerter Regelmässigkeit wiederholt. Gleichzeitig besteht die Wiedererkennbarkeit mancher Identitäten inzwischen darin, bei der nächsten Marke wiedererkannt zu werden. Beliebigkeit entsteht nicht durch das Werkzeug, sie entsteht dort, wo die Ästhetik die Begründung ersetzt.

Ein gestalterisches Artefakt erzählt niemals nur von seinem Inhalt. Es hinterlässt immer auch einen Abdruck der Entscheidungen, Kompromisse und Werkzeuge seiner Entstehung. Ästhetik ist, was von diesem Abdruck übrig bleibt, wenn er von seinem Ursprung gelöst wird: ein wiedererkennbares Muster aus Formen, Farben und Verfahren, das sich extrahieren, benennen und auf einen anderen Gegenstand übertragen lässt. So lässt sich Ästhetik kopieren, prompten und automatisieren.

Handschrift ist nicht bloss Ästhetik. Sie entsteht dort, wo sich der Möglichkeitsraum durch eine tatsächlich gefällte Entscheidung verengt, während Ästhetik eine Form übernimmt, die bereits steht, bevor diese Wahl stattfinden konnte. Handschrift ist deshalb keine dekorative Zutat, sondern die sichtbare Spur eines eigensinnigen Weges.

Die Untersuchung verweist weniger auf das Verschwinden der Handschrift als auf eine Veränderung der Bedingungen, unter denen Gestaltung entsteht. Wo immer sich diese Bedingungen in Richtung vorbereiteter Entscheidungen verschieben, verliert die gestalterische Arbeit an Eigenständigkeit. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass Gestaltung dabei ihre Grammatik perfektioniert, ihre Sprache jedoch verliert.

Der Duktus bleibt bis auf Weiteres Gegenstand der Untersuchung.

[1] Die vorliegende Untersuchung sieht sich aus Gründen der Übersichtlichkeit zu einem ähnlichen Vorgehen veranlasst.

Text: Fauls